|
Die gesamte Sendung
"Sei tapfer, ist doch nicht so schlimm", "Wenn du ein
Mann werden willst, musst du das aushalten!" - mit
diesen Sprüchen werden Kinder dazu erzogen, Schmerzen zu
trotzen.
Doch Schmerzen müssen ernst genommen und behandelt
werden, sonst besteht die Gefahr, dass Schmerzsignale
selbstständig werden. Für Fibromyalgie-Patienten, bei
denen das in der Vergangenheit geschehen ist, gibt es
zwar Chancen auf Linderung, selten aber auf Heilung
ihrer Beschwerden.
Wie sehen die Heilungschancen von Fibromyalgie aus?
Dr. Müller-Schwefe: Von Heilung - also
von einer vollständigen Beseitigung der Krankheit für den
Rest des Lebens - kann man bei den meisten Patienten nicht
ausgehen. Ähnlich ist das beim Zuckerkranken: dessen
Krankheit kann auch nicht vom Arzt geheilt, aber so gut
betreut werden, dass der Patient wie ein normaler Mensch
leben kann. Bei den meisten Fibromyalgie-Patienten ist eine
Langzeittherapie erforderlich, mit der man eine so deutliche
Schmerzminderung oder auch zeitweise Schmerzfreiheit
erzielen kann, dass diese Menschen wieder normal leben
können.
Ist in Zukunft eine weitere Zunahme dieser Krankheit zu
erwarten?
Dr. Müller-Schwefe: Ja, und zwar aus zwei Gründen:
Erstens: Bisher sind Patienten oft einfach ignoriert worden
und haben an sich selbst gezweifelt. Heute zeichnet sich ab,
dass man Patienten mit Fibromyalgie sehr viel früher erfasst
und nicht jahrelang umherirren und immer weiter in ihren
chronischen Schmerz hineinlaufen lässt. Zweitens: Es gibt
immer mehr ältere Menschen, und je älter die Menschen sind,
umso mehr Chancen haben sie in ihrem Leben gehabt,
Schmerzmuster zu lernen. Je älter die Menschen werden, desto
mehr Schmerzen haben sie und desto stärker empfinden sie
auch ihre Schmerzen.
Was kann man vorbeugend tun?
Dr. Müller-Schwefe: Erstens muss sich
bei den Menschen die innere Einstellung zum Schmerz
verändern: Die Strategien, die wir als Kinder noch gelernt
haben, nämlich dass man - ganz nach dem Motto "ein Indianer
kennt keinen Schmerz" - tapfer sein muss, sind sehr dumm.
Denn ein kluger Indianer vermeidet den Schmerz. In
Krankenhäusern, wo Patienten - zum Beispiel nach
Operationen - häufig unter Schmerzen leiden, gibt es deshalb
noch großen Verbesserungsbedarf. Schmerzen können zu
dauerhaften Schäden bis hin zu schweren Krankheiten führen.
Zweitens sollte man in allen Lebensphasen auf eine
ausreichende und adäquate Schmerztherapie-Versorgung
bestehen. Und drittens ist es wichtig, dafür zu sorgen, das
man mit seinem Schmerz ernst genommen wird. Wenn das nicht
der Fall ist, dann sollte man sich einen anderen Arzt
suchen, denn vom Schmerz weiß der Betroffene am
allermeisten.
|